#obwdd: „Wie entscheiden Sie, wie viel Sie über welchen Kandidaten berichten?“

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Wie steht es eigentlich um die Berichterstattung zum Dresden OB-Wahlkampf? In der vorangegangenen Woche berichteten wir über pauschale Kritik an „den Medien“ (vgl. dresdenwaehlt.de vom 12.5.2015: „Wochenrück-Klick IX: Einseitig + einseitig = zweiseitig?„).

Die Kritik hat inzwischen mit einer Pressemitteilung der AfD noch mehr Futter bekommen (hier bei Facebook nachzulesen). Darin regt sich der AfD-Kandidat Stefan Vogel darüber auf, von der Sächsischen Zeitung nicht zu den „wichtigsten Kandidaten“ im Wahlkampf gezählt zu werden (zu der Kritik sei der Kommentar auf menschen-in-dresden.de empfohlen: „OB-Wahl: Die Sechs, die drei Wichtigsten und die zwei Aussichtsreichsten – eine Anmerkung„).

Dokumentiert die Pressemitteilung der AfD auch in allererster Linie die Unkenntnis über die Arbeitsweise einer Redaktion, ist die dahinterliegende Frage trotzdem interessant: Nach welchen Kriterien entscheiden Medien, wie viel und was sie über die Kandidaten berichten?

Wir haben schon in der vergangenen Woche verschiedenen Medienvertretern aus Dresden einen kleinen Fragenkatalog mit der Bitte um schriftliche Antworten geschickt. Die ersten Antworten finden Sie hier – weitere reichen wir nach, sobald wir sie haben.

Dirk Birgel – Chefredakteur Dresdner Neueste Nachrichten

1. Wie entscheiden Sie, wie viel Sie über welchen Kandidaten berichten?
Im Kollektiv, nach journalistischer Relevanz.

2. Halten Sie es für notwendig, über alle Kandidaten in gleichem Umfang und gleicher Art und Weise zu berichten?
Nein.

3. Wenn nein, nach welchen Kriterien erfolgt Ihre Gewichtung?
Wahlaussichten und journalistische Relevanz.

4. Hat Ihre Redaktion einen Favoriten und werden Sie eine Wahlempfehlung für Ihre Leser aussprechen?
Einen Favoriten/eine Favoritin in dem Sinne, auf wen wir tippen würden. Und nein, von mir aus kann jeder wählen, was und wen er will.

 

Anja Herrmann – Studioleiterin Dresden Fernsehen

1. Wie entscheiden Sie, wie viel Sie über welchen Kandidaten berichten?
Nach neutralem Ermessen und Terminlage.

2. Halten Sie es für notwendig, über alle Kandidaten in gleichem Umfang und gleicher Art und Weise zu berichten?
Der Anspruch besteht. Praktisch allerdings kaum umsetzbar.

3. Wenn nein, nach welchen Kriterien erfolgt Ihre Gewichtung?

4. Hat Ihre Redaktion einen Favoriten und werden Sie eine Wahlempfehlung für Ihre Leser aussprechen?
Nein.

 

Andreas Szabo, Redaktionsleiter Radio Dresden

1. Wie entscheiden Sie, wie viel Sie über welchen Kandidaten berichten?
Wir berichteten und berichten über alle Kandidaten, wenn sie erreichbar sind und Auskünfte geben (wollen). Im Vorfeld der Wahl begleiteten wir dabei auch die bisher noch nicht politisch aktiven Bewerber. Nun stehen die Kandidaten fest, dementsprechend intensiveren wir die Berichterstattung über den Wahlkampf, so sind u.a. größere Interviews mit allen sechs Kandidaten geplant (soweit eine Interviewbereitschaft vorliegt). In einer Sondersendung auf Radio Dresden präsentieren wir dann die Kernthemen und Positionen der Kandidaten.

2. Halten Sie es für notwendig, über alle Kandidaten in gleichem Umfang und gleicher Art und Weise zu berichten?
Ja, allerdings hat eine Kandidatin bislang nicht auf Anfragen reagiert (Festerling).

3. Wenn nein, nach welchen Kriterien erfolgt Ihre Gewichtung?
Siehe Punkt 2: Wir halten es für notwendig, alle Bewerber und ihre lokalpolitischen Ziele gleichermaßen und im gleichen Umfang vorzustellen.

4. Hat Ihre Redaktion einen Favoriten und werden Sie eine Wahlempfehlung für Ihre Leser aussprechen?
Nein, wir sprechen keine Wahlempfehlungen aus.

 

Uwe Vetterick, Chefredakteur Sächsische Zeitung

1. Wie entscheiden Sie, wie viel Sie über welchen Kandidaten berichten?
Dies geschieht in Abstimmung zwischen zuständigen Reportern, Ressortleiter, Chefredaktion wie auch allen anderen interessierten Kollegen.

2. Halten Sie es für notwendig, über alle Kandidaten in gleichem Umfang und gleicher Art und Weise zu berichten?
Nein. Sichten und wichten von Nachrichten und deren Protagonisten bleiben natürlich auch im Wahlkampf Teil journalistischer Arbeit.

3. Wenn nein, nach welchen Kriterien erfolgt Ihre Gewichtung?
Im wesentlich sind dies drei Kriterien:

1. die politische Relevanz des Kandidaten. Das heißt: Hat er eine reale Chance diese Wahl zu gewinnen? Kann er tatsächlich Oberbürgermeister werden? Wird er also Einfluss nehmen können auf das Leben der Menschen in der Stadt, von denen Zehntausende unsere Leser sind?
2. das tatsächliche Leserinteresse. Dieses Interesse wird täglich von der Redaktion digital erfasst und aktuell ausgewertet.
3. die Haltung der Redaktion: Die kann man in einem Satz zusammenfassen: Wir suchen das Beste für die Region und die Menschen, die hier zuhause sind. Diese Suche nach dem Besten lässt breiten Raum für ganz unterschiedliche politische Ansätze; sie lässt jedoch keinen Raum für fremdenfeindliche oder demokratieverachtende Positionen.

Allerdings gilt: Die Redaktion orientiert sich zwar an den genannten drei Kriterien. Sie berichtet aber angemessen auch über die OB-Kandidaten, die den Kriterien teilweise oder nicht genügen.

4. Hat Ihre Redaktion einen Favoriten und werden Sie eine Wahlempfehlung für Ihre Leser aussprechen?
Wir pflegen eine pluralistische Kultur. Die Redaktion als Ganzes hat deshalb keinen Favoriten. Sie wird auch keine Wahlempfehlung aussprechen.

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1 Comment
  • firak
    Mai 27, 2015

    Das Berichten wird im Zeitalter des Internets ja nun immer unwichtiger.
    Ob es den professionellen Medienvertretern gefällt oder nicht.
    Jeder Bürger sollte sich seine Meinung auch über anderer Quellen bilden.

    So gibt es auch einen Beitrag im Stadtwiki Dresden, der über die OB Wahl informiert:

    http://dresden.stadtwiki.de/wiki/Oberb%C3%BCrgermeisterwahl_2015