Martin Fuchs: „Ein gut gemachter Onlinewahlkampf kann durchaus Effekte haben“

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Martin Fuchs hat in seinem Blog hamburger-wahlbeobachter.de die Bürgerschaftswahl in Hamburg beobachtet und intensiv begleitet. Wir haben unser großes Vorbild zum Verhältnis von Social-Media-Aufwand und Wahlergebnis und den Erfolgsfaktoren für einen guten Onlinewahlkampf befragt.

Martin Fuchs

Martin Fuchs

Dresdenwaehlt.de: Die Bürgerschaftswahl in Hamburg hat mit Olaf Scholz der Kandidat gewonnen, der bei Social Media nach deiner Einschätzung die schlechteste Performance hingelegt hat. Lässt sich darauf schlussfolgern, dass Social Media im Wahlkampf keine oder nur eine nachgeordnete Rolle spielt?
Martin Fuchs: Nein. Die Wahl wurde in den großen Linien in den vier Jahren vor dem Wahlkampf entschieden. Die CDU hätte auch mit einem besseren On- wie Offlinewahlkampf nichts an der Wahlniederlage ändern können und Olaf Scholz und die SPD hätten auch ohne Wahlkampf die Wahl in ähnlicher Weise gewonnen. Der Wahlausgang zeigt deshalb sehr deutlich, dass Wahlen durch die gute Arbeit zwischen den Wahlsonntagen gewonnen werden. Und am Beispiel der FDP zeigt er zudem, dass ein gut gemachter und professioneller Onlinewahlkampf durchaus Effekte haben kann. Unter anderem durch die Sichtbarkeit und erzielten Reichweiten in sozialen Netzwerken hat es die FDP geschafft wieder in die Köpfe der Hamburger zu kommen (siehe dazu auch 365sherpas.com: „Hamburg-Wahl: Der Social-Media-Wahlsieger steht schon fest“ oder stern.de: „Wie Katja Suding der FDP Beine macht„).

Dresdenwaehlt.de: Was macht denn einen guten Social-Media-Wahlkampf aus?
Fuchs: Das Entscheidende ist, dass es eine Strategie gibt, die dann auch in den Wochen vor der Wahl umgesetzt wird. Was sind die wichtigsten Themen einer Partei, was sind die Zielgruppen und wie will ich diese Zielgruppen erreichen? Auf welchem Kanal muss ich präsent sein und wie? Und wenn man es dann noch schafft On- und Offline-Aktivitäten zu verbinden und Dialog zu leben ist das schon die halbe Miete. Zudem sind soziale Netzwerke ein perfekter Seismograph für Stimmungen während des Wahlkampfes. Ein gutes Monitoring verbunden mit Reaktionsschnelligkeit können einiges bewirken, wie z.B. dieses Beispiel der FDP zeigt. Ein FDP-Thema geht als Tweet viral, dieser wird schnell aufgegriffen ins FDP-Layout umgewandelt und selber geteilt, damit erreichte die FDP in wenigen Stunden über eine Million Bürger mit damals lediglich ca. 2.500 Fans.

Dresdenwaehlt.de: Was waren aus Deiner Sicht die Höhepunkte im Hamburger Social-Media-Wahlkampf?
Fuchs: Da muss ich lange überlegen (lacht) 😉 Es waren eher die kleinen Sachen am Rande, die mir gefallen haben. Gelungen fand ich z.B. die Nutzung von Google-Maps durch die SPD, den Versuch eines grünen Kandidaten Wahlkampf auch über eine Flirt-App aus der Gay-Community zu machen oder auch die kontinuierlichen Facebook-Fragestunden von Katja Suding (#FragKatja). Auch die Aufbereitung von Informationen als Infografiken z.B. bei der FDP und das durch die Spitzenkandidatinnen vorgelesene Kurz-Wahlprogramm als Hörbuch bei Grünen und CDU haben mich überzeugt.

Dresdenwaehlt.de: Wie viel Kraft sollten Kandidaten in die Aktivitäten in Social Media stecken?
Fuchs: Das ist immer abhängig von der Partei/dem jeweiligen Kandidaten und deren Zielgruppe. Die Strategie ist entscheidend. Selbstverständlich gibt es auch noch im Jahr 2015 Kandidaten, die komplett ohne Social Media die Wahl gewinnen können und Erfolg haben. Der Kanal muss zum Kandidaten passen und der Kandidat muss 100 Prozent Lust auf die Kommunikation und den digitalen Dialog mit den Wählern haben. Und dann kann man das m.E. auch nicht mehr trennen, gerade durch die stark wachsende mobile Nutzung kann man gar nicht mehr unterscheiden, bin ich jetzt online oder offline unterwegs. Es muss beiläufig passieren. Die FDP hat ca. 20% des Wahlkampfbudgets in den Onlinewahlkampf gesteckt, so viel war es bei den anderen Parteien nicht, war aber im Falle der Liberalen wohl eine gute Entscheidung, wie der Wahlausgang zeigt.

Dresdenwaehlt.de: Jetzt, wo die Wahl zur Hamburger Bürgerschaft vorbei ist: Was wird aus dem hamburger-wahlbeobachter.de?
Fuchs: Ich habe den Blog ja zur letzten Bürgerschaftswahl 2011 gegründet. Wollte ihn danach wieder schließen, das ist mir leider nicht gelungen 😉 … Aber Hamburg habe ich ab 2011 so gut wie nicht mehr beobachtet und analysiert. Viele Geschichten waren auserzählt. Mein Fokus ist schon bundesweit, auch wenn der Name eher Lokalkolorit versprüht. Ich werde auch zukünftig die Onlineaktivitäten von Politikern, Parteien aber auch von Ministerien, Landtagen und Verwaltungen im Blick haben – national, wie international. Sachsen gehört da selbstverständlich mit dazu 😉

Dresdenwaehlt.de: Vielen Dank für das Interview!

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