In der Kritik: Wahlplakate zur Oberbürgermeisterwahl in Dresden

Ein Gastbeitrag von Martin Paul.

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ Um es vorweg klarzustellen: Obwohl der einzigartige Loriot über jeden Zweifel erhaben ist – hier hatte er unrecht. Denn wer sein Konterfei in der ganzen Stadt verteilen lässt, braucht vor allem Mut. Oft tritt der Kandidat zum ersten Mal aus der Anonymität und stellt sich mit dem Markantesten was er hat, seinem Gesicht, ungeschützt der Öffentlichkeit. Das kostet vielfach Überwindung, in Zeiten von Facebook, Twitter und Instagram allemal.

Respekt für die Kandidaten
Zumal man auch noch damit rechnen muss, zum Gegenstand von Texten wie diesem zu werden. Vor allem jene Kandidaten, die vermeintlich aussichtslos und nicht aus einer sicheren Berufspolitiker-Startluke heraus kandidieren, haben deshalb allen Respekt verdient. Genau 36 Tage vor einem Urnengang erlaubt es denn auch die „Satzung zur Verfahrensregelung Wahlwerbung“ der Stadt Dresden, dass sich Kandidaten und Parteien den Bürgern an Bäumen und Laternen empfehlen. Für die OB-Wahl am 7. Juni (vgl. dresden.de) ist es also seit dem 2. Mai gestattet, zu plakatieren. Ein wichtiger Termin für die Wahlkampfstrategen, setzt man tatsächlich auf Sieg. Denn einerseits gibt es keine zweite Chance für den ersten Aufschlag und andererseits haben Wahlplakate drei wichtige Funktionen.

Das richtige Image
Erstens signalisieren sie einem Großteil der potentiellen Wähler, dass überhaupt ein Urnengang ansteht. Politisch Engagierte oder besonders Interessierte ignorieren nämlich häufig die Tatsache, dass sich der Großteil der Bürger politisch zwar nicht uninteressiert, aber doch eher passiv verhält. Wahltermine haben dabei die Wenigsten auf dem Schirm. Zweitens zeigen die antretenden Parteien, Wählervereinigungen oder Kandidaten schlichtweg, dass es sie gibt. Das heißt im Umkehrschluss, Parteien oder Kandidaten, die auf Plakate verzichten, haben kaum Chancen auf Erfolg, ganz besonders bei Kommunal- oder Regionalwahlen mit geringer Präsenz in den Hauptmedien. Und schließlich transportieren die Bewerber mit dem Plakat über die Farbauswahl, die optische Struktur und das Kandidatenfoto die entscheidende Grundstimmung. Anders gesagt: sie vermitteln Image. Dabei gilt als unbestritten, dass Plakate allein keine Wahl gewinnen, verlieren kann man damit aber allemal.

Eine Ansage an die Mitbewerber
Die Präsenz der Kandidaten zum Plakatierstart in Dresden sagt natürlich noch nichts darüber aus, wer am Ende tatsächlich die Nase vorn hat. Allerdings gilt der erste Aufschlag schon als Ansage an die politischen Mitbewerber, wer auf Sieg und wer nur auf Platz spielt. In den Wahlkampfteams wird sehr genau geschaut, wer wann wie viel draußen hat. Danach haben vier Kandidaten die aktuell auf dem Wahlzettel stünden, ihre Plakate „am Mast“: Eva-Maria Stange, Markus Ulbig, Dirk Hilbert und Stefan Vogel.

Genau diese Reihenfolge ergibt sich, wenn man ein Ranking zur gefühlten Anzahl der in der Stadt verteilten Plakate erstellt. Stange dominiert vor Ulbig und Hilbert. Vogels Plakate muss man suchen. Mit tatsächlichen Zahlen halten sich die Wahlkampfzentralen zurück. Wobei CDU-Mann Ulbig bereits seit Wochen von gekauften Ströer-Großplakaten grüßt und die sogenannten „9/1“-Plakate aufgestellt hat. Ein Format, das die Union bereits bei den Wahlen im zurückliegenden Jahr zum Einsatz brachte.

Die Plakate im Vergleich
Das alles aber ist formal, ist Hülle. Schauen wir auf den Inhalt, also die Gestaltung der einzelnen Plakate der unterschiedlichen Bewerber. Wir nehmen uns wegen der Vergleichbarkeit vor allem die sogenannten Kopfplakate vor. Sowohl Dirk Hilbert als auch Eva-Maria Stange haben bereits jetzt auch reine Themenplakate im Einsatz, auf denen mehr oder weniger prägnante Botschaften ohne das Konterfei des Kandidaten zu lesen sind.

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Eva-Maria Stange, „Gemeinsam für Dresden“

Das Positive zuerst: Der Layouter hat sich allzu hippe Experimente verkniffen. Das Layout ist klar strukturiert, ohne Firlefanz. Das Bild der Kandidatin und ihr Name dominieren. Das schafft Übersichtlichkeit und lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Wesentliche. Auch der Türkis-Balken, der die Schrift unterlegt, belästigt den Betrachter nicht. Das Aufsteigen von links nach rechts schafft Dynamik. Kurzum: für die Struktur gibt’s ein Gut.

Kritisch und immer wieder bei Plakaten der Dresdner Sozialdemokraten zu beobachten, ist der fast schon obsessive Hang zu kleiner und damit für „Vorbeifahrer“ schlecht leserlicher Schrift. Bewegt sich der Name der Kandidatin an der unteren Grenze der Leserlichkeit, so ist die Botschaft „Am 7. Juni die Oberbürgermeisterin wählen“ schlicht unleserlich. Es sei denn man stellt sich direkt vor das Plakat. Mangelhaft.

Eine Katastrophe indes ist das Foto der Kandidatin. Falls jemand für diese Gemeinheit Geld genommen hat, sollte er es stillschweigend zurückgeben. Frau Stange wirkt verunsichert, unentschlossen. Das Lächeln aufgesetzt, so als wolle sie sagen, dass sie doch lieber Wissenschaftsministerin bliebe. Ein guter Fotograf sieht das. Dazu obersichtig fotografiert, die Nase zentriert mit hartem Schlagschatten nach unten – falls der Referent des Fotokurses an der Volkshochschule eine Vorlage braucht, wie man jemanden unvorteilhaft aussehen lässt: das Stange-Plakat ist ein Paradebeispiel. Wohlgemerkt: das liegt nicht an der Kandidatin, sondern am Foto. Glatte Fünf.

Fazit: Das Plakat ist technisch in Ordnung, mit Abzügen wegen der lausigen Schriftgröße. Die B-Note dagegen schlägt negativ durch. Mit allen Hühneraugen zudrücken ein Befriedigend.

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Markus Ulbig, CDU

Der Layouter der Union hat es leicht. Farben und Grundlayout sind bei den Christdemokraten per CI prinzipiell vorgegeben. Insofern wäre es unfair, die seltsame Mixtur aus Orange, Schwarz, Grau und Weiß zu bemängeln. Keine Wertung.

Trotzdem positiv und auf die Kappe des Layouters geht die gut lesbare Schrift. Sowohl der Name des Kandidaten („ULBIG“) als auch der Claim „DAMIT DRESDEN GEWINNT“ sind groß in Versalien gesetzt und damit auch vom Auto im Vorbeifahren gut zu erkennen. Auch der Aufbau des Plakates ist in Ordnung – nichts Aufregendes aber auch kein Schnickschnack, Name, kurze Kernbotschaft, fertig. Eine Zwei.

Seltsam – auch Markus Ulbigs Foto ist, analog dem seiner Ministerkollegin Stange, eine Zumutung. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Zunächst: Ulbigs Kampagne bedient sich des Stilmittels einer zweiten, anonymen Person im Anschnitt links auf dem Plakat. Blöd nur, dass sich der Kandidat so gar nicht für seinen imaginären Gesprächspartner zu interessieren scheint. Vielmehr wendet Markus Ulbig den Blick scheinbar hilfesuchend und verunsichert zum Betrachter. Das Lächeln ist künstlich und gezwungen. Experten für nonverbale Kommunikation erkennen das an den kaum wahrnehmbaren Lachfalten in den Augenwinkeln. Überhaupt wirkt der Kandidat auf dem Foto wenig überzeugend oder gar tatkräftig und entschlossen, sondern gehetzt und unsicher. Zudem – besonders schlanke und drahtige Kandidaten sollten nicht auf die Krawatte verzichten. Offene, flatternde Hemdkragen erzeugen hier oft den Eindruck, der Protagonist sei hineingeborgt. Mehr als eine Fünf ist auch hier nicht drin.

Fazit: Betrachtet man Aufbau und Struktur, ist auch dieses Plakat Hausmannskost. Das Kandidaten-Foto indes reißt auch Markus Ulbigs Kopfplakat in den Abgrund. Ausreichend.

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Dirk Hilbert, Unabhängige Bürger für Dresden e.V.

Der amtierende OB kommt mit dem Amtsbonus daher und strotzt offensichtlich vor Selbstbewusstsein. Das FDP-Mitglied versucht dem immer noch desaströsen Image seiner Partei zu entkommen, indem er auch auf seinen Plakaten Überparteilichkeit und Unabhängigkeit betont. Eine Strategie, die bereits sein Plauener Amts- und Parteifreund Oberdorfer im vergangenen Jahr erfolgreich verfolgt hat. Trotzdem setzt er bei den Plakaten auf Schwarz-Gelb – eine Farbkombination, die in Dresden untrennbar mit der Zastrow-Partei verknüpft ist. Mutig bis riskant. Ein gutes Befriedigend.

Die Struktur des Plakats ist kein Hexenwerk. Foto oben, Bauchbinde mit Name (gut – auch hier in Versalien) und ein Claim. Auch hier hat der Autofahrer die Chance, die Kerninfos des Plakates im Vorbeifahren zu erfassen. Allerdings beim Blick auf die unterschiedlichen Claims gibt uns die Hilbert-Kampagne einige Rätsel auf. Dass der seit 14 Jahren im Amt befindliche Wirtschaftsbürgermeister seine Wirtschaftskompetenz („Wirtschaftsmotor“) herausstellt und bestehende „Probleme lösen“ will, ist okay. Was aber will uns der Layouter mit orthografischen Experimenten wie „Fördern statt Verhindern“ (sic!) oder gar „Vereinen statt Spalten“ (Gletscherspalten?, Apfelspalten?) sagen? Im Ernst – Verben werden klein geschrieben. Ergo: Rechtschreibfehler auf Plakaten sind ein NoGo. Fünf.

Zum Foto. Hilberts Leute haben sich für Schwarz-Weiß entschieden. Das ist Geschmackssache, aber auch nicht mehr als eine temporäre Mode. Schon Sachsens SPD-Chef Dulig hatte im Landtagswahlkampf 2014 auf dieses Stilmittel zurückgegriffen; mit überschaubarem Erfolg. Eines der Bilder erinnerte gar an Putin. Auch Dirk Hilbert in Schwarz-Weiß ist so lala. Einerseits haben sich die Strategen vielleicht gedacht, damit seine leicht barocke Erscheinung zu kaschieren, andererseits ist eines der Motive untersichtig aufgenommen und betont damit eben diese. Positiv – ein Motiv zeigt einen zweiten anonymen Gesprächspartner auf dem Plakat. Im Unterschied zu seinem Konkurrenten Ulbig scheint Hilbert hier zuzuhören. Kurzum: Die Fotos sind ästhetischer als die seiner Mitbewerber, über den Sinn dieser Schwarz-Weiß-Bilder kann man streiten. Befriedigend.

Fazit: Man merkt, dass der Layouter sich ganz viel Mühe gegeben hat, aber wenig Erfahrung mit Wahlplakaten hat. Er setzt auf „schön“ und „ästhetisch“ und versemmelt dabei funktional. Insgesamt eine knappe Drei.

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Stefan Vogel, AfD

vogelDie Protestpartei versucht offenkundig auch mit dem Plakat klar zu machen, dass die AfD mit einem bunten Potpourri politischer Positionen aufwartet. Ein derartiges Durcheinander ist schon abenteuerlich. Hier fehlt jegliche Struktur. Die Positionierung von Namen, Parteilogo und Claim wirken willkürlich oder maximal am heimischen PC mit „Paint“ zusammengeschustert. Da nützt es auch nichts, dass man das eher ungewöhnliche Querformat gewählt hat. Eine glatte Sechs.

Auch die Schrift rettet nichts. Wüste Wechsel zwischen den Schriftarten, mal serif, mal sans serif, lassen die Botschaft, dass Stefan Vogel ein Dresdner ist und Bürgermeister werden will, komplett untergehen. Man wird regelrecht hektisch beim Betrachten. Das ist nicht nationalkonservativ, das ist Punk. Ungenügend, Fünf.

Das Kandidatenfoto reiht sich nahtlos ein. Schlecht ausgeleuchtet und seltsam monochrom lässt es Stefan Vogel älter wirken, als er womöglich ist. Im Übrigen hätte ein nettes Lächeln sicher nicht geschadet. Vier.

Fazit: Unter den derzeit vier Plakaten der Kandidaten im Stadtbild eindeutig der Verlierer. Das Plakat vermittelt dem Wähler die Botschaft: Hier will jemand auf keinen Fall gewinnen. Versetzungsgefährdet, gesamt Fünf.

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5 Comments
  • Christian
    Mai 8, 2015

    „eine Farbkombination, die in Dresden untrennbar mit der Zastrow-Partei verknüpft ist. “

    Ich denke beim Schwarz-Gelb der DVB, Dynamos oder des Stadtwappens doch auch nicht an die FDP. Letzteres dürfte die Inspiration für das Farbschema sein vermute ich mal.

  • stefanolix
    Mai 12, 2015

    Die FDP hat in ihrem Corporate Design mittlerweile eine ganz andere Farbkombination (siehe: Wahl in Bremen). Ich meine auch, dass das Gelb auf den Hilbert-Plakaten ein anderes Gelb als das Gelb der alten FDP-Plakate ist. Die Farbkombination sowieso:
    https://stefanolix.wordpress.com/2009/08/26/klug-eingesetzte-redundanz/

    Die erwähnten Rechtschreibfehler sind m. E. keine. Hilbert (oder seine Unterstützer oder seine Agentur) wollen substantivierte Verben einsetzen: das Fördern, das Verhindern etc. Das kann man machen, auch wenn es sicher nicht glücklich ist.

  • weka
    Mai 24, 2015

    Auch ich finde das Foto vin Frau Dr. Stange nicht gerade besonders gut. Man hätte zweifellos ein besseres verwenden/machen können. Die Frage ist nur, ob der Plakatautor damit etwas ausdrücken wollten, zum Beispiel eine gewisse persönliche Echtheit. Auch das könnte doch sein.

  • firak
    Mai 27, 2015

    Von einem unabhängigen Blog kann ja wohl keine Rede sein.
    Es fehlt schliesslich das Plakat des Kandidaten vom Stimmzettel, Position 3.

  • owy
    Mai 27, 2015

    @Firak „Von einem unabhängigen Blog kann ja wohl keine Rede sein.“

    Sie schreiben wirr: Wieso sind wir nicht „unabhängig“, nur weil im Beitrag nicht sämtliche Kandidaten erwähnt sind? Logik? Häh? Von wem oder was sind wir Ihrer Meinung nach „abhängig“?

    Für Sie nur der Hinweis: Der Beitrag ist am 8. Mai erschienen. Zu diesem Zeitpunkt hatten vier Kandidaten Plakate hängen – keiner mehr.